Learning Together: Warum die Verpackung von Kosmetik Teil der Formulierung ist

 
 

In der Kosmetik sprechen wir viel über Wirkstoffe, INCI-Listen und Texturen. Einer der wichtigsten Faktoren für Wirksamkeit, Haltbarkeit und Sicherheit bleibt jedoch meist unsichtbar: die Verpackung.

In der Produktentwicklung gilt deshalb ein zentraler Grundsatz: Eine Formulierung existiert nicht ohne ihre Verpackung.

Kosmetische Produkte werden nicht einfach abgefüllt. Sie werden für eine ganz bestimmte Verpackung entwickelt, getestet und freigegeben, weil erst dieses Zusammenspiel entscheidet, wie stabil, wirksam und sicher ein Produkt wirklich ist.

Um das sicherzustellen, können in der Entwicklung unterschiedliche Prüfungen durchgeführt werden: Formulierungen werden in ihrer finalen Verpackung gezielt gealtert, auf Wirkstoffstabilität und Keimsicherheit geprüft, auf Wechselwirkungen zwischen Inhalt und Material untersucht und auf ihre Schutzfunktion gegenüber Licht, Sauerstoff und Feuchtigkeit getestet.

Genau diese Prozesse, von Stabilitätstests über Packaging-Compatibility-Prüfungen bis hin zu mikrobiologischen Challenge-Tests, schauen wir uns in dieser Learning-Together-Serie Schritt für Schritt an.

Let’s learn together.

Die Verpackung ist kein neutraler Behälter

Kosmetische Produkte sind komplexe chemische Systeme. Sie enthalten unter anderem Wasser, Öle, Alkohole, Duftstoffe, Konservierungsmittel und Wirkstoffe. Viele dieser Moleküle sind klein, mobil und chemisch aktiv.

Gleichzeitig bestehen Verpackungen, vor allem Kunststoffe, aus Polymernetzwerken mit Poren, Additiven, Weichmachern und Stabilisatoren. Zwischen Produkt und Verpackung können deshalb physikalisch-chemische Wechselwirkungen entstehen.

Die wichtigsten Prozesse sind:

Sorption - Inhaltsstoffe werden von der Verpackung aufgenommen
Migration - Stoffe aus der Verpackung gehen in das Produkt über
Permeation - Sauerstoff, Wasser oder Duftstoffe diffundieren durch das Material
Chemische Reaktionen - Inhaltsstoffe greifen das Material an oder werden selbst destabilisiert

Diese Prozesse sind langsam und mit bloßem Auge oft nicht sichtbar. Genau deshalb können sie in der Entwicklung gezielt geprüft werden.

Welche Inhaltsstoffe besonders sensibel sind

Nicht jede Formulierung reagiert gleich stark, aber bestimmte Stoffklassen sind besonders betroffen.

Konservierungsmittel
Phenoxyethanol, Sorbate oder Benzoate können an Kunststoffoberflächen adsorbieren oder in das Material diffundieren. Ein Teil des Konservierungssystems „verschwindet“ in der Verpackungswand. Die Folge: Die mikrobielle Sicherheit sinkt, obwohl die INCI-Liste unverändert bleibt.

Duftstoffe & ätherische Öle
Limonene, Linalool & Co. sind klein, lipophil und flüchtig. Sie können aus dem Produkt entweichen oder in die Verpackung diffundieren. Der Duft wird schwächer oder verändert sich, und die Verpackung kann selbst Gerüche annehmen.

Lösungsmittel & Glycole
Ethanol oder Propylenglykol können Weichmacher und Additive aus Kunststoffen herauslösen. Dadurch wird die Verpackung durchlässiger für Sauerstoff, was den Abbau empfindlicher Wirkstoffe beschleunigen kann.

Empfindliche Wirkstoffe
Retinol, Retinal oder Vitamin C reagieren stark auf Sauerstoff, Licht und Metallionen. Wurde die Gesamtformulierung nicht berücksichtigt oder ist die Verpackung nicht ausreichend dicht, kann sich der Wirkstoff schneller abbauen. Das Produkt kann zwar hoch dosiert sein, auf der Haut kommt in diesem Fall deutlich weniger an.

Warum Formulierungen in der finalen Verpackung getestet werden

Ein kosmetisches Produkt wird nie isoliert geprüft. In der Entwicklung wird immer das System aus Formulierung und Verpackung getestet.

Welche Tests Infrage kommen können:

1. Stabilitätstests

Das Produkt wird in der finalen Verpackung bei unterschiedlichen Bedingungen gelagert:

  • Kälte (4–8 °C)

  • Raumtemperatur

  • Hitze (40 °C)

  • hohe Luftfeuchtigkeit

  • Licht & UV

  • Gefrier-/Auftau-Zyklen

Dabei werden regelmäßig gemessen: pH-Wert, Viskosität, Farbe, Geruch, Wirkstoffgehalt und auch Veränderungen an der Verpackung selbst.

2. Packaging-Compatibility-Tests

Hier wird geprüft, ob:

  • die Verpackung Inhaltsstoffe aufnimmt (Sorption)

  • die Verpackung Stoffe abgibt (Migration)

  • die Barriere gegen Sauerstoff und Feuchtigkeit ausreicht

Dazu gehören u. a.:

Extractables & Leachables
Die Verpackung wird mit Hitze und Lösungsmitteln belastet. Danach wird analysiert, ob Weichmacher, Stabilisatoren oder Monomere in das Produkt übergehen.

Sorptionstests
Man misst, ob Konservierungsmittel, Duftstoffe oder Lösungsmittel aus dem Produkt in die Kunststoffwand diffundieren.

Permeationstests
Hier wird bestimmt, wie viel Sauerstoff oder Wasserdampf durch die Verpackung dringt - entscheidend für Retinoide, Vitamin C, Öle und Duftstoffe.

3. Preservative Efficacy Test (PET / Challenge Test)

Dieser Test prüft, ob das Konservierungssystem im echten Produkt in der echten Verpackung funktioniert.

Das Produkt wird gezielt mit Keimen versetzt (z. B. Staphylococcus aureus, Pseudomonas aeruginosa, Candida albicans, Aspergillus brasiliensis - je nach Standard auch Escherichia coli). Über 28 Tage wird gemessen, ob diese zuverlässig abgetötet werden.

4. Accelerated Aging

Das komplette System wird künstlich gealtert, z. B.:

12 Wochen bei 40 °C können, je nach Formulierung und Verpackung, Hinweise liefern, die grob einer längeren Realzeitlagerung entsprechen.

Man überprüft dabei: Wirkstoffabbau, Duftverlust, Verpackungsverformung, pH-Verschiebungen und mikrobiologische Stabilität.

Warum das regulatorisch wichtig ist

Die Prüfung von Verpackung und Formulierung ist ein wichtiger Teil der gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsbewertung.

Nach der EU-Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009 darf ein Produkt nur in Verkehr gebracht werden, wenn eine vollständige Sicherheitsbewertung (Cosmetic Product Safety Report, CPSR) vorliegt. Diese muss alle Faktoren berücksichtigen, die die Sicherheit des Produkts beeinflussen können, einschließlich relevanter Aspekte von Materialien, die mit dem Produkt in Kontakt stehen, also der Verpackung (z. B. mögliche Migration, Sorption oder Schutzwirkung).

Der wissenschaftliche EU-Beirat SCCS beschreibt in seinen Notes of Guidance die allgemeinen Anforderungen an die Sicherheitsbewertung für Inhaltsstoffe und Produkte. Ergänzende Leitfäden wie das Packaging Advisory Document von Cosmetics Europe konkretisieren, wie Verpackungsaspekte in diese Bewertung einzubeziehen sind.

Ohne eine vollständige Sicherheitsbewertung darf ein Produkt nicht freigegeben und nicht auf den Markt gebracht werden.

Rechtliche und fachliche Grundlage dafür sind:

  • EU-Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009

  • SCCS – Notes of Guidance

  • Cosmetics Europe – Packaging Advisory Document

Was das für den Alltag bedeutet

Wenn ein Produkt verkauft wird, wurde genau diese Kombination aus Inhalt und Verpackung getestet und freigegeben. Die Originalverpackung ist Teil der Produktsicherheit.

Wird ein Produkt umgefüllt, können sich Materialkontakt, Sauerstoffdurchlässigkeit, Sorption und Migration ändern. Die ursprünglichen Tests gelten dann nicht mehr.

Wenn man trotzdem umfüllen muss

Für Reisen oder das Gym gilt:

  • nur kleine Mengen umfüllen

  • möglichst schnell verbrauchen

  • hygienisch arbeiten

  • auf Geruch, Farbe und Konsistenz achten

Je kürzer ein Produkt in einem Fremdbehälter ist, desto geringer das Risiko für Wirkstoffverlust, Oxidation oder Keimwachstum.

Wichtig

Kosmetik ist ein chemisches Gesamtsystem aus Formulierung und Verpackung.
Die Verpackung ist kein austauschbarer Behälter, sondern ein aktiver Schutz für Stabilität, Wirksamkeit und Sicherheit.
Deshalb gehört ein Produkt in der Regel genau dorthin, wo es entwickelt wurde: in seine Originalverpackung.

Relevante Quellen

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