Learning Together: Benzoylperoxid & Benzol - Wie groß ist das Risiko wirklich?

 
 

Benzoylperoxid gehört seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Wirkstoffen in der Behandlung von Akne. Auch ich habe BPO über viele Jahre meiner beruflichen Laufbahn immer wieder empfohlen, dazu aufgeklärt und den Wirkstoff in ausführlichen Guides erklärt.

Dann gingen 2024 plötzlich Schlagzeilen durch die Medien: Benzoylperoxid-Produkte könnten Benzol bilden - eine Substanz, die als krebserregend eingestuft ist. Teilweise war sogar von einem möglichen Krebsrisiko durch Akneprodukte die Rede.

Aber was steckt tatsächlich dahinter?

In dieser Learning-Together-Serie schauen wir uns deshalb genauer an, warum Benzoylperoxid überhaupt Benzol bilden kann, was in den Untersuchungen tatsächlich gemessen wurde und warum zwischen einem chemischen Gefahrenpotenzial und dem tatsächlichen Risiko bei der Anwendung unterschieden werden muss.

Denn wie so oft in der Kosmetikwissenschaft und Toxikologie gilt:

Der Nachweis einer problematischen Substanz bedeutet noch nicht automatisch, dass die Verwendung eines Produktes ein relevantes Gesundheitsrisiko darstellt.

1. Was ist Benzoylperoxid eigentlich?

Benzoylperoxid - kurz BPO - ist ein Wirkstoff, der vor allem zur Behandlung von Akne eingesetzt wird.

Er wirkt unter anderem antimikrobiell gegen Cutibacterium acnes und besitzt zusätzlich einen Einfluss auf die Verhornung. Gerade deshalb spielt BPO seit vielen Jahren eine wichtige Rolle in der Aknetherapie und wird beispielsweise mit Retinoiden kombiniert oder auch zusammen mit Antibiotika eingesetzt, um die Entstehung antibiotischer Resistenzen zu reduzieren.

Wichtig für uns in Europa: BPO ist bei der Aknebehandlung kein klassischer kosmetischer Wirkstoff, sondern Bestandteil von Arzneimitteln. Je nach Land und Präparat können diese rezeptpflichtig oder rezeptfrei erhältlich sein.

In den USA sieht es etwas anders aus: Dort ist BPO auch in einigen Porodukten – darunter Reinigungs- und Pflegeprodukten – zum Beispiel von CeraVe, Neutrogena oder La Roche-Posay enthalten.

2. Wie kann aus Benzoylperoxid überhaupt Benzol entstehen?

Benzoylperoxid enthält eine relativ instabile Peroxidbindung zwischen zwei Sauerstoffatomen. Diese O–O-Bindung kann gespalten werden. Dabei entstehen sogenannte Benzoyloxy-Radikale.

Diese können anschließend Kohlendioxid abspalten und sogenannte Phenylradikale bilden. Aus diesen können - abhängig von ihrer chemischen Umgebung - unterschiedliche Reaktionsprodukte entstehen.

Eines davon ist: Benzol. Vereinfacht: Benzoylperoxid - Benzoyloxy-Radikale - Phenylradikale - Benzol

Dieser Zerfallsweg ist nicht erst seit 2024 bekannt. Die thermische Instabilität von Benzoylperoxid und mögliche Abbauprodukte wurden bereits deutlich früher beschrieben.

Der entscheidende Punkt ist jedoch: Wärme beschleunigt diese Reaktion.

Je höher die Temperatur und je länger die Lagerungsdauer, desto stärker kann der Abbau von BPO begünstigt werden.

Das bedeutet aber noch nicht, dass jedes BPO-Produkt automatisch relevante Mengen Benzol enthält.

3. Was war der Benzoylperoxid-„Skandal“?

Im März 2024 veröffentlichte das amerikanische Analyselabor Valisure Untersuchungen zu Benzoylperoxid-Produkten.

Valisure berichtete, dass BPO-Produkte unter bestimmten Bedingungen Benzol bilden können. Gleichzeitig reichte das Unternehmen eine sogenannte “Citizen Petition” bei der amerikanischen FDA ein und forderte eine stärkere Untersuchung beziehungsweise regulatorische Maßnahmen.

Ein Teil der Ergebnisse sorgte für enorme mediale Aufmerksamkeit.

Produkte wurden bei 37 °C, 50 °C und teilweise 70 °C gelagert beziehungsweise untersucht.

Bei höheren Temperaturen stiegen die gemessenen Benzolkonzentrationen deutlich an. In bestimmten Versuchen wurde Benzol außerdem in der Luft um geschlossene Produktverpackungen nachgewiesen.

Das Problem? Aus diesen Ergebnissen entstanden schnell Schlagzeilen wie: „Akneprodukte bilden krebserregendes Benzol.“

Chemisch ist der erste Teil nicht grundsätzlich falsch. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Unter welchen Bedingungen und in welcher Menge?

4. Warum wurden die ersten Untersuchungen kritisiert?

Hier kommt unter anderem Dr. Michelle Wong von Lab Muffin Beauty Science ins Spiel.

Sie hat sich ausführlich mit den Valisure-Untersuchungen beschäftigt und kritisiert vor allem, dass einige der spektakulärsten Ergebnisse unter Bedingungen entstanden, die nicht unbedingt eine normale Lagerung widerspiegeln.

Beispielsweise wurden Produkte über längere Zeit bei 50 °C oder sogar 70 °C untersucht.

Solche erhöhten Temperaturen können in Stabilitätsuntersuchungen durchaus sinnvoll sein. Man versucht damit unter anderem, chemische Veränderungen schneller sichtbar zu machen. Aber: Ein beschleunigter Stabilitätstest ist nicht automatisch dasselbe wie monatelange Lagerung bei Raumtemperatur.

Chemische Reaktionen können bei höheren Temperaturen nicht nur schneller ablaufen, sondern teilweise auch anders verlaufen.

Dr. Wong kritisiert deshalb vor allem die Übertragung der Ergebnisse auf normale Alltagsbedingungen.

70 °C können beispielsweise unter extremen Bedingungen in einem aufgeheizten Auto erreicht werden. Das bedeutet aber nicht, dass ein durchschnittliches BPO-Produkt regelmäßig zwei Wochen lang bei 70 °C gelagert wird. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Die Untersuchungen zeigen, dass die Stabilität von BPO stark temperaturabhängig sein kann. Sie zeigen aber nicht automatisch die durchschnittliche Exposition einer Person, die ihr Akneprodukt normal lagert und verwendet.

5. Was sagt die FDA dazu?

Nach den Valisure-Berichten führte die amerikanische FDA eigene Untersuchungen durch. Im März 2025 veröffentlichte sie die Ergebnisse.

Die FDA testete insgesamt 95 Akneprodukte mit Benzoylperoxid. Bei mehr als 90 % der untersuchten Produkte war Benzol entweder nicht nachweisbar oder nur in sehr niedrigen Konzentrationen vorhanden. Bei sechs Produkten wurden erhöhte Benzolwerte gefunden. Bestimmte Chargen wurden daraufhin vom Handel zurückgerufen.

Das ist deshalb relevant, weil die FDA ausdrücklich feststellte, dass ihre eigenen Untersuchungen weniger Produkte mit erhöhten Benzolwerten zeigten als die zuvor veröffentlichten Untersuchungen des Drittanbieters.

Die FDA erkennt gleichzeitig an, dass Benzoylperoxid unter bestimmten Bedingungen - insbesondere bei höheren Temperaturen - zu Benzol abgebaut werden kann.

Hersteller müssen deshalb die Stabilität ihrer Formulierungen sowie Herstellung, Lagerung und Qualitätskontrolle entsprechend berücksichtigen.

Die sinnvollere Schlussfolgerung lautet also: Das Potenzial zur Benzolbildung ist real. Wie stark es ausgeprägt ist, unterscheidet sich jedoch deutlich zwischen verschiedenen Produkten und Formulierungen.

In dieser Diskussion taucht außerdem immer wieder ein Wert auf: 2 ppm Benzol. Doch was bedeutet dieser Wert eigentlich?

6. Was bedeuten eigentlich diese 2 ppm?

Wichtig ist: 2 ppm bedeutet nicht automatisch „darunter sicher, darüber gefährlich“.

Der Wert stammt aus pharmazeutischen Leitlinien und dient der risikobasierten Begrenzung der Benzolexposition. Für die tatsächliche Risikobewertung zählt aber nicht nur, wie viel Benzol im Produkt gemessen wird, sondern vor allem, wie viel davon der Körper tatsächlich aufnimmt - über welchen Weg, wie häufig und über welchen Zeitraum.

Benzol kommt auch in der Umweltluft vor, beispielsweise durch Verkehr und Kraftstoffe, Verbrennungsprozesse, Tabakrauch und bestimmte industrielle Emissionen.

Ein Luftwert beschreibt die Konzentration von Benzol in einer Luftmenge, die wir potenziell über Stunden einatmen. Ein ppm-Wert in einer Creme oder einem Gel beschreibt dagegen zunächst nur, wie viel Benzol sich im Produkt befindet.

Daraus lässt sich noch nicht direkt ableiten, wie viel davon tatsächlich verdampft, in die Atemluft gelangt, über die Haut aufgenommen wird und letztendlich im Körper ankommt.

Deshalb lassen sich 2 ppm Benzol in einem Produkt nicht einfach mit 2 ppm Benzol in der Umgebungsluft vergleichen - die Expositionssituation ist eine völlig andere.

Vereinfacht zusammengefasst: Konzentration ≠ Exposition ≠ aufgenommene Dosis.

7. Aber Benzol ist doch krebserregend?

Ja. Benzol wird von der International Agency for Research on Cancer - IARC - der Gruppe 1 „carcinogenic to humans“ zugeordnet.

Das bedeutet, dass ausreichende wissenschaftliche Evidenz dafür vorliegt, dass Benzol beim Menschen Krebs verursachen kann. Hier ist aber ein wichtiger Punkt: Eine IARC-Einstufung beschreibt nicht automatisch die Höhe des persönlichen Risikos.

Die IARC bewertet in erster Linie, ob eine Substanz oder Exposition grundsätzlich Krebs verursachen kann. Sie bewertet damit das sogenannte Hazard - also das Gefahrenpotenzial.

Das ist nicht dasselbe wie die Frage: Wie groß ist das tatsächliche Risiko bei einer bestimmten Dosis und Anwendung?

Wie wichtig diese Unterscheidung ist, zeigt beispielsweise auch Aloe vera.

Die IARC führt Aloe-vera-Ganzblattextrakt („Aloe vera, whole leaf extract“) in Gruppe 2B - „possibly carcinogenic to humans“.

Das bedeutet nicht, dass jedes Aloe-vera-Gel oder jedes kosmetische Produkt mit Aloe vera automatisch ein relevantes Krebsrisiko darstellt.

Der Vergleich zeigt sehr schön, warum die reine Aussage: „Dieser Stoff wurde als möglicherweise beziehungsweise tatsächlich krebserregend eingestuft“ noch nicht genügt, um das persönliche Risiko durch eine konkrete Anwendung zu bestimmen. Denn: Hazard ≠ Risk.

Oder einfacher gesagt: Ein Stoff kann grundsätzlich eine Gefahr besitzen - wie groß das tatsächliche Risiko ist, hängt davon ab, wie viel davon, wie häufig, über welchen Weg und über welchen Zeitraum wir ihm ausgesetzt sind.

Ein weiteres gutes Beispiel ist UV-Strahlung. UV-Strahlung ist ebenfalls eindeutig krebserregend.

Eine kurze alltägliche UV-Exposition und jahrelange intensive UV-Exposition ohne Schutz führen beispielsweise nicht zum selben Risiko.

Dass Benzol krebserregend ist, beantwortet deshalb noch nicht die Frage: Wie relevant ist die Benzolexposition durch ein BPO-Produkt bei normaler Anwendung?

Auch die FDA kam nach ihrer Untersuchung von 95 Produkten zu dem Schluss, dass selbst bei täglicher Verwendung der zurückgerufenen Produkte über Jahrzehnte das zusätzliche Krebsrisiko aufgrund der gemessenen Benzolbelastung sehr gering sei.

8. Hat Valisure also „falsch“ gelegen?

Valisure hat auf ein reales chemisches Problem aufmerksam gemacht: Benzoylperoxid kann zu Benzol zerfallen.

Die Kritik betrifft vielmehr die Frage, wie einzelne Ergebnisse erzeugt, interpretiert und anschließend kommuniziert wurden. Dr. Michelle Wong hatte unter anderem bereits frühere analytische Methoden von Valisure kritisch eingeordnet und auf Diskussionen rund um Messmethoden und deren Validierung hingewiesen.

Gerade deshalb finde ich die gesamte Debatte so interessant, denn sie zeigt sehr schön, wie Wissenschaft funktioniert:

Eine Untersuchung weist auf ein mögliches Problem hin.
Darauf folgen Schlagzeilen.
Andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hinterfragen die Methodik und Interpretation.
Neue Untersuchungen werden durchgeführt.
Regulierungsbehörden testen unabhängig.
Formulierungen und Einflussfaktoren werden genauer untersucht.
Und Schritt für Schritt entsteht ein differenzierteres Bild.

Dieses Bild sieht aktuell ungefähr so aus: BPO kann Benzol bilden, und Wärme kann diesen Prozess beschleunigen. Wie viel Benzol entsteht, unterscheidet sich jedoch deutlich zwischen verschiedenen Produkten und Formulierungen. Auch Herstellung, Lagerung und Transport können dabei eine Rolle spielen. Einzelne Produkte beziehungsweise Chargen können Benzolwerte aufweisen.

Gleichzeitig wurden bei der großen Mehrheit der von der FDA untersuchten Produkte keine oder nur sehr geringe Mengen Benzol gefunden.

Auch die bisher verfügbaren Daten liefern keinen klaren Hinweis darauf, dass die normale Anwendung von Benzoylperoxid mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden ist. Die FDA bewertete das zusätzliche Risiko aufgrund der von ihr gemessenen Benzolbelastung als sehr gering.

Genau deshalb ist die wichtigste Erkenntnis nicht: „Valisure hatte recht“ oder „Valisure lag falsch“.

Sondern: Die Benzolbildung ist chemisch real - entscheidend sind aber Menge, Bedingungen, Formulierung und tatsächliche Exposition.

9. Was bedeutet das für die Anwendung?

Panik ist hier nicht notwendig und sie hilft selten dabei, wissenschaftliche Fragen besser einzuordnen. Das bedeutet aber nicht, dass die Lagerung egal ist.

Benzoylperoxid ist ein chemisch vergleichsweise reaktiver Wirkstoff. Hohe Temperaturen über längere Zeit können seinen Abbau begünstigen und sind deshalb keine gute Idee.

Praktisch bedeutet das vor allem: Produkte entsprechend den Lagerhinweisen des Herstellers aufbewahren und starke Hitze sowie direkte Sonneneinstrahlung vermeiden.

Ein BPO-Produkt sollte beispielsweise nicht über längere Zeit in einem heißen Auto liegen. Auch deutlich abgelaufene Produkte würde ich nicht unnötig weiterverwenden.

Eine pauschale Empfehlung, jedes BPO-Produkt im Kühlschrank aufzubewahren, würde ich daraus jedoch nicht ableiten. Die Lagerhinweise des Herstellers haben Vorrang.

Und noch etwas ist wichtig: Die Untersuchungen der FDA beziehen sich auf den amerikanischen Markt und konkrete US-Produkte beziehungsweise Chargen.

Der Rückruf einer einzelnen Charge bedeutet deshalb nicht automatisch, dass ein Produkt derselben Marke in Deutschland, Österreich oder der EU dieselbe Formulierung, dieselbe Charge oder dasselbe Problem aufweist.

Hinzu kommt, dass BPO in Europa regulatorisch anders eingeordnet wird: Für klassische kosmetische Hautpflegeprodukte ist Benzoylperoxid hier nicht als Wirkstoff zur Aknebehandlung zugelassen. Entsprechende BPO-Präparate zur Behandlung von Akne sind bei uns Arzneimittel.

Quellen

- Kucera K, Zenzola N, Hudspeth A, et al. Benzoyl Peroxide Drug Products Form Benzene. Environmental Health Perspectives. 2024;132(3):037702. doi:10.1289/EHP13984.

- Barbieri JS, Rubin CB, Pham JP, Wong M. The Role of Formulation in Benzene Formation in Benzoyl Peroxide Products. JAMA Dermatology. 2025;161(4):442–444. doi:10.1001/jamadermatol.2024.6443.

- Garate D, Thang CJ, Lai J, et al. Benzoyl peroxide for acne treatment is not associated with an increased risk of malignancy: A retrospective cohort study. Journal of the American Academy of Dermatology. 2024;91(5):966–968. doi:10.1016/j.jaad.2024.07.011.

- Sadr N, Troger A, Chai PR, Barbieri JS. No evidence for an association between benzoyl peroxide use and increased blood benzene levels in the National Health and Nutrition Examination Survey. Journal of the American Academy of Dermatology. 2024;91(4):763–765. doi:10.1016/j.jaad.2024.06.050.

- Veenstra J, Ozog D, Stephens A. Benzoyl peroxide acne treatment shows no significant association with benzene-related cancers: A multicenter retrospective analysis. Journal of the American Academy of Dermatology. 2025;92(6):1440–1442. doi:10.1016/j.jaad.2025.02.038.

- Barbieri JS, Bunick CG. Benzoyl Peroxide–Containing Products and Benzene: Where Are We Now After Recalls, and How Should We Move Forward? JAMA Dermatology. 2025;161(8):791–792. doi:10.1001/jamadermatol.2025.1694.

- U.S. Food and Drug Administration. Limited number of voluntary recalls initiated after FDA testing of acne products for benzene; findings show a small number of products with elevated levels of benzene contamination. 11. März 2025.

- U.S. Food and Drug Administration. FDA alerts drug manufacturers to the risk of benzene contamination in certain drugs.

- International Agency for Research on Cancer. Benzene. IARC Monographs, Volume 120.

- International Agency for Research on Cancer. Aloe vera, whole leaf extract. IARC Monographs, Volume 108.

- Wong M. Is benzene in benzoyl peroxide a cancer risk? Lab Muffin Beauty Science, 27. November 2024.

- https://www.valisure.com/valisure-newsroom/valisure-detects-benzene-in-benzoyl-peroxide?utm_source=chatgpt.com

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